Verwundbar




Es waren immer sehr intime Momente, wenn ich den Mann traf. Obwohl wir uns nicht extrem gut kannten, waren die Begegnungen herzlich und rasch auf einer sehr innigen Basis. Seine Gesichtszüge verrieten mir, dass er Leidenschaftlich war. Nicht unbedingt im sexuellen, aber bei ihm war Körperliches sehr wichtig. Gepflegtes Äusseres, elegante Bewegungen, ja fast feminine Anstriche.


Mir fiel in der Vergangenheit oft auf, dass Männer die einen weiblichen Touch haben, oft im Bett für mich die besseren Liebhaber waren, als Testosteron gesteuerte Manns-Bilder. Die waren zwar schön zum Ansehen, doch selbst in der Weichheit, wenn sie diese denn zuliessen, waren sie mir immer etwas weiter entfernt, als die Männer, die einen galanten Touch hatten. Dass ich selbst eher männlich wirkende Züge habe, ist mir durchaus bewusst und für mich okay. Beide Geschlechter haben beide Geschlechtsteile und Energien von Geburt an, in sich.

Auch wenn man vermuten könnte, dass ich eher dominant bin im Privatleben und Erotik, so habe ich hier ganz klar meine weichen Seiten. Loslassen braucht Mut. Doch dann tritt die Sanftheit zu tage – oder eben im Schutze der Nacht, wird diese erlebbar.


Schutzrüstung

Dann, wenn ich meine Schutzrüstungen des Tages ablege und mich in den Ozean des Loslassens begebe, bin ich schutzlos. Dies gestatte ich mir selten und wenn, dann oft (unbewusst) nicht immer zu 100%. Vielleicht liegt es daran, dass ich keinen festen Partner habe. Vielleicht, weil die Abdrücke der Rüstung noch einige Zeit Druckstellen auf der Haut hinterlassen…


Wenn ich jedoch bereit bin, mich ganz zu zeigen und alle aufgestauten Gefühle wirken zu lassen, kann es vorkommen, dass ich in der Sexualität weine. Nicht wegen des Sexpartners. Doch lasse ich dann so stark los, dass all die manifestierten Gefühle im Beckenboden durchbrechen und sich Raum schaffen. Manchmal lache ich auch. Laut. Sehr laut. Oder alles dazwischen.

Zu beginn war mir das peinlich und sehr verwirrend, doch mittlerweile liebe ich diese Gefühlswellen. Sie lassen mich das Leben intensiv spüren. Emotionen und Gefühle die ich aus unterschiedlichsten Gründen in mir gebunkert hatte. Die ich beispielsweise in einem Coaching nicht zulassen konnte, da ich dort der Rahmen bin und nicht der Klient. Oder die Verzweiflung, wenn ich meinen Sohn anschreie, anstatt mich vernünftig mit ihm auszutauschen.


Verletzung der Sicherheit

So war es auch das eine Mal, als ich mit besagtem Mann schlief.

Die Tränen rannen über mein Gesicht und ich sank in die Gefühle, gepaart mit der sexuellen Lust.

In seinen Armen suchte ich Schutz und Geborgenheit, die er mir gewährte. Er wusste was los war und so liess ich die Traurigkeit unbekannten Ursprungs durch mein System fliessen.

Ich hörte die Tränen auf das Kissen tropfen und spürte die nässe an seiner Brust. Er streichelte mich und wurde wieder erregt. Immer mehr und mehr. So dass er schliesslich wieder in mich eindrang und mich penetrierte. Zuerst sanft, dann wilder.

Ich spürte, dass ich nicht soweit war. Dass ich noch Schutz brauchte, Sanftheit, Anerkennung. Stattdessen wurde Dominanz, männliche Kraft und Energie in mich hineingestossen.

Ich war beschämt ob meinem Unvermögen mich mitzuteilen und der Lust ich dennoch verspürte.

Gedanken wie «nein, bitte… Nicht. Kein Stossen. Kein dominantes Stossen… Ich brauche dich um anzulehnen. Aufzutanken und mich zu stabilisieren…» Doch es war zu spät. Bereits mit dem Eindringen in mich war der Moment des beschützt Werdens zunichte. Obwohl er zu beginn sanft war, so hätte ich nun anderes gebraucht.


Suchend nach meiner Schutzrüstung, liess ich seine Geilheit an mir ausleben und dissoziierte. Versuchte den Widerspruch in mir von selbst erregt zu sein und gegen meinen Willen meine Schutzlosigkeit auszunutzen.

Dem Mann war nicht bewusst was er in diesem Moment mit mir tat. Ob er sich dies überlegte, ist unklar. Natürlich hätte ich mich wehren sollen. Kommunizieren, dass es für mich momentan nicht okay ist. Dass ich offen, porös, sehr verletzlich bin und seien Lust gerne etwas später oder ein andermal erneut teile… Ich war wütend auf mich, dass ich nicht für mich einstand. Dass ich über mich ergehen liess. Wie früher in Beziehungen.

Warum machen das Menschen? Warum übergehen sie fremde und eigene Grenzen?

Diese Gedanken trage ich noch mit mir mit und versuche Antworten zu finden.

Als erstes musste ich mir die Situation, auch wenn sie von aussen harmlos erscheint, klarmachen müssen. Wo war meine Selbstverantwortung und wo die des Gegenübers?


Strategien

Danach habe ich mir in Gedanken mögliche Sätze zurechtgelegt, die ich in einer wiederkehrenden Situation mitteilen kann. So dass ich authentisch und nicht auf Konfrontation aus bin. Beispielweise «Gib mir noch Zeit. Ich bin Schutzlos und kann dich noch nicht in mich eindringen lassen.» Wenn der Mann dies nicht versteht, so ist für mich klar, dass wir grundlegende Dinge klären müssen.

Auch habe ich mir «Wächter» für meine Körper energetisch zugelegt und mir bewusst gemacht, dass ich Königin über mich bin. Mit dieser Grundhaltung gehe ich aus der Opferrolle heraus und ziehe so wie selbstverständlich meine Grenzen.

Wer mein Königreich angreift, wird nicht mehr mit Samthandschuhen angefasst! Weder Privat noch beruflich. Wenn ich sage, dass etwas nicht im Angebot ist, wie beispielsweise innere Berührungen bei Erotik-Massagen, dann haben sich ausnahmslos alle daran zu halten! Keine Salami-Taktik, keine Diskussion! Wenn ich diejenige bin, die gegebenenfalls aus eigener Lust und Reflexion (die in der Lust leider oft fehlt) mitteile, dass es in diesem Augenblick okay ist, darf das Gegenüber selbstverständlich für sich entscheiden, ob es meine erweiterten Grenzen erleben will, oder nicht.

Auch ich habe Verantwortung dem Mann gegenüber.

Nur weil jemand Lust empfindet heisst das nicht, dass er meine Wünsche erfüllen muss. Ja, es gibt Männer die alles mitmachen, wenn sie geil sind. Doch das ist nicht okay, wen ich diese Situation ausnutze. Also: auch hier Königin sein und den Mann entsprechend behandeln. Sei gut zu deinen Menschen und manipuliere sie nicht.


Lasse los aber bewahre deine Grenzen.

Dein Schatz. Deinen Körper und deine Seele.

So lerne ich durch die Reflexion und bin guten Mutes, dass ich im Lernprozess mindestens das nächste Mal für mich einstehe.

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