Geld ist nicht mein Zuhälter





Ich musste ihn enttäuschen. Bewusst und aktiv, nahm ich ihm seine Vorfreude, seine Lust und vielleicht auch ein wenig seines Selbstbewusstseins.

Ein Mensch, der einen netten Eindruck machte, Sex


positiv ist und nicht verheimlicht, dass er Tantra Massagen liebt. Er wäre ein potenzieller Stammkunde gewesen.

Doch mein System sagte »nein».

Erneut fragte der Mann an, ob er eine erotische Massage bei mir buchen könnte, denn die letzten beiden Anfragen hatte ich schlicht keine Zeit. Diese Person liess in mir einen blinden Fleck klarer werden: wenn jemand mich für eine sehr intime Massage anfragt und auf die terminfrage mit «am liebsten sofort!» und dies vollen Ernstes sagt, horche ich auf. Natürlich, viele Menschen haben Vorfreude, was ja seinen Sinn hat,. Doch bei ihm stellte ich fest, dass seine Ungeduld in eine Art «Begierigkeit» überging. Nicht «Gier» in Reinform, aber doch so fest wollen», dass mein Energiesystem sofort spürte, wie er etwas von mir zog. Im feinstofflichen Bereich, wo man spürt, dass man mehr gibt, als man will. Oder gar gegen seinen Willen «ausgesogen» wird.


Der Mann hatte mich weder berührt noch unangebrachte Kommentare in den beiden sehr spontanen Vorgesprächen gemacht oder Geschlechtsverkehr gewünscht. Und doch ging mein Puls enorm hoch, als er nun erneut nach einem Termin per sofort fragte.


Er lehrte mich, dass es für mich nicht okay ist, wenn ich keine Vorlaufzeit habe. Dass ich immer einen Moment brauche, um mich energetisch und in der Konzentration auf eine seelisch-körperliche Sinnesreise mit einem fremden Menschen einzulassen.

Er lehrte mich auch, dass ich für mich einstehen darf und muss.



Stimmungsschwankungen

Auf die Frage

«Kann ich denn etwas tun, dass du dich umstimmen lässt»

dachte ich halb sarkastisch, halb ernsthaft «ja, 2'000 CHF für eine Massage würde passen». Doch wäre dies nicht fair, unrealistisch. Als ich d


as Telefongespräch ohne den Gedanken nach mehr Lohn für dieselbe Dienstleistung beendete, lehnte ich mich in meinem Sessel zurück und machte mir Gedanken zu meinem finanziellen Anreiz-Überlegungen. Hatte ich diese wirklich gedacht? Bin ich so Geldgierig? Würde ich das Geld annehmen, wenn ich den spontanen Gedanken laut ausgesprochen und auf Zuspruch gestossen wäre?!


Meine moralische Seite, lehnte diesen Gedanken, einem Menschen sehr nahe zu sein, den man körperlich wie energetisch ablehnte vehement ab. Und eine andere Seite war motiviert, wenn der Preis stimmen würde; schliesslich waren erotische Massagen zu geben, ein Teil meines Berufsalltags. Ich hätte bei der Massage dissoziieren können, also mich in Gedanken wegbeamen oder ausblenden können, so wie Prostituierte es tun. Für die gebuchte Zeit, hätte das geklappt. Doch was wäre gewesen, wenn er mich berühren wollte? Hätte es da auch noch funktioniert? Was macht mein System langfristig?! Oberflächlich betrachtet, wäre es möglich gewesen. Doch hätte ich mich verkauft.

Was aber, wenn der preis stimmt? Trägt mein inneres Selbst dann Schaden davon…?


Ich trank einen Schluck Wasser und sank weiter in die Thematik ein.

Ab welchem betrag bin ich käuflich?


Wie dringend brauche ich Geld! Warum wären eine knappe Versechsfachung des Preises okay für mich gewesen?! Weil ich wusste, dass er es ausschlagen würde? Oder wäre es in Ordnung für mich gewesen, weil ich mit der massiven Erhöhung des Preises Zeit für die Regeneration mitverdient gehabt hätte. Doch was war mit meiner Seele? Meiner Moral? Meinem System?


Überdeckt ein unmoralisches Angebot die seelischen Schäden nur, oder ist der Anreiz etwas zu erhalten, das man möchte (in diesem Fall 2'000 CHF), eine Motivation die den Preis dessen neutralisiert?


In letzter Zeit stellte ich öfters fest, dass Klienten gerne ein kleines Upgrade wollten. Einen bestimmten Fetisch ausleben, beispielweise einen Körperteil in die Massage mit einbeziehen), zu Terminen kommen möchten, wo ich längst Feierabend habe, also spät nachts, oder aber, dass sie mit der Salami-Taktik sich bei jeder Massage etwas mehr erlaubten, was zuvor von mir klar als unerwünscht kommuniziert wurde und dies ohne zusätzliche Bezahlung.

Der Mann, der sofort die Massage buchen und sich hinlegen wollte, von dem ich vorher berichtet hatte, lehrte mich auch, die Taschenlampe auf meine Kommunizieren Grenzen zu richten. Es war anstrengend, dass ich bei Massagen manchmal sehr klare Worte an das Klientel richten musste, wenn sie doch etwas versuchten zu erreichen, was nicht im Angebot war. Denn neben der Stimmung und des Flows, zerstörte ich mit dem Grenzen einhalten auch eine Fantasie der Klienten. Doch hierfür war ich nicht zuständig, wurde mir bewusst. Dass man(n) im Eifer der erotischen Reise die grenzen ausdehnen will, hatte ich selbst zu beginn meiner Erotik-Karriere festgestellt. Mich daran gewöhnt und nun weder den Wunsch noch das Interesse die Grenzen auszudehnen. Wenn ich etwas nicht möchte, dann hat der Klient dies zu akzeptieren! Und wenn er eine Neu-Verhandlung des Angebots möchte, dann zu meinen Konditionen. Doch: wo waren die Grenzen? Wäre ich so käuflich gewesen, wie Demi Moore in «Ein unmoralisches Angebot»?!

Denn immer die gesetzten Grenzen im Auge behalten und wie ei Wachhund in der romantischen Stimmung Alarm zu bellen, ist anstrengend. Aber mein Job, wenn ich ihn gewissenhaft mir gegenüber machen möchte.

Meine Massagen sind authentisch, sehr intim und jede einzigartig, da ich kein Drehbuch abarbeite. Und es ist mein Business.


Sänger

Wenn beispielsweise Ed Sheeran an einer privaten Geburtstagsfeier, wo er als Stimmungsmacher gebucht wurde, einen Song mehr singen soll als vereinbart hat er zwei Möglichkeiten

- Er kann dies aus freien Stücken tun und dies dem Publikum kostenlos schenken 8rsp. indirekt als Marketing abbuchen, das ihn wenig Aufwand kostete),

- oder aber der Auftraggeber bezahlt eine Verlängerung des Einsatzes und der Sänger kann, wenn es für diesen stimmig ist, weitere Lieder weiter gegen entsprechendes End Geld singen.


Wenn also Klienten einen Express-Termin oder ausserhalb meiner regulären Einsatzzeiten möchten, einen Fetisch der für mich okay ist, ausleben wollen oder meine Grenzen nicht respektieren habe ich Möglichkeiten. Bei Grenzverletzungen breche ich entweder die Massage ab und verlange das volle Honorar, da die gebuchte zeit nicht an eine/n andere/n Klienten verkauft werden kann, oder ich teile dem Klienten einen Preis mit, der er entweder bezahlt oder zum Gebuchten Angebot zurück buchstabiert.



Zahlungsmittel

Jeder Mensch hat «seinen» Preis. Die Währung und die Höhe sind unterschiedlich.


Auch wenn Geld ein grosser Motivationsfaktor ist und ich zugegebenermassen bis zu einem gewissen Grad käuflich zu sein scheine, so ist es mir wichtig, dass ich langfristig mein inneres Wohl gut im Auge behalte und keine Grenzverletzungen oder Extrawünsche ohne entsprechende Bezahlung mehr dulde. Wenn Klienten deswegen nicht mehr buchen, so sei’s drum. Dann haben sie nicht mich gebucht, sondern eine Illusion. Da ich eine sehr hohe Wiederkehrquote meiner Klienten habe, mache ich mir keinen Gedanken darüber, dass ich ein komplett neues Klientel suchen muss. Und wenn, dann ist es okay, weil dann war das Klientel nicht passen. Wobei ich klar sagen muss, dass ich sehr angenehme Menschen in der Praxis für Massagen habe. Dennoch muss ich den Menschen manchmal in Erinnerung rufen, dass sie meine Zeit gekauft haben. Es ist wie im Coiffeursalon: weil man die Friseuse oft besucht hatte und viele Gespräche mit ihr führte, scheint als manchmal fast so, als ob man auf du-und-du miteinander ist. Dass eine Art Beziehung über das Geschäftliche hinaus entstanden wäre. Kann sein, doch entscheidet dies immer die Coiffeure, nicht der Klient. Und in meinem Fall entscheide ich, ob ich die Wünsche der Klienten erfülle oder nicht. Betteln ist da wenig hilfreich. Es entspricht nicht meinem Beuteschema. Aber auch nicht jeder finanzielle Betrag, wie man nun glauben könnte, kann mich zum Umdenken bewegen. Hätte der Mann zu Beginn des Textes die exponentielle Verteuerung bereitwillig bezahlt, so hätte ich höchstens eine Massage gegeben, aber sicherlich keinen Geschlechtsverkehr mit ihm gehabt (wo er auch nie danach gefragt hatte).


Ich entscheide selbst bestimmt, wen ich beruflich wie privat anfasse. Mit wem ich intim werde und welche Grenzen für mich gelten. Geld ist ein gerechtfertigter Anreiz. Nicht mein Zuhälter.


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