Im Schatten der Ahnen





Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Frauen sexuelle Gewalt erlebt haben. Nun, die Generationen vor mir, waren diesbezüglich weniger gut aufgeklärt. Ging milde gesagt burschikos miteinander um. Die Rollenbilder einem althergebrachten Mainstream folgend, der von Glauben und Politik vorgesetzt wurde.

Ich habe keine Ahnung, wie viele Männer sexuelle Gewalt damals von Frauen erlebt haben, da auch hier sehr viel altertümliches Denken die Hürden der Hilfesuchenden ansetzte.

Dennoch ist eines für mich bemerkenswert: wie oft ich von Frauen mitbekomme, dass ihre Mütter sie sexuell unterdrücken.

Selbst oft niederträchtiges oder gar existenziell bedrohliches in der Sexualität überlebt, hofften unsere Mütter, als sie uns als kleine Babys in den Armen hielten, dass wir es besser haben werden. Behütet, Selbstbestimmt, Erfüllt. Und so wachsen wir mit einer mittelmässig bis schlechte Aufklärung auf und ziehen aus dem Elternhaus hinaus in die Welt der Erotik. Leider hat uns niemand genau erklärt, geschweige denn gezeigt, was da draussen lauert. Und so bin auch ich der sexualisierten Gewalt in die Arme gelaufen.


Nun, dies am Aufarbeiten erschüttert mich jedoch die Tatsache, dass Mütter ihre Töchter, ihre leiblichen Kinder weder schützen noch trösten.

Im Gegenteil, sie werden verstossen, angeprangert man sei eine schlechte Mutter und mit Unverständnis werden viele Frauen von ihren weiblichen ehemaligen Vorbildern aus dem Gefüge der Familie verstossen.

Doch warum ist das so? Sie wünschten uns eine bessere sexuelle Zukunft, als sie erleiden mussten… Warum dann die Eiversucht, wenn das Leben der Kinder besser läuft? Warum die Vorwürfe, man habe alles in den Schoss gelegt bekommen, man sei undankbar oder man sei rücksichtslos, wenn man den Partner verlässt, den man nicht liebt.


Umso ähnlicher die Tochter das Leben der Mutter ähnelt, umso grösser sind die Kluften. Oder dann, wenn das Leben der Tochter das krasse Gegenteil der ersten Ahnin ist. In beiden fällen knallt ihnen die Härte der vergifteten Herzen entgegen.

«Ich will die Anerkennung meiner Mutter. Auch wenn ich sie oft hassen könnte, so ist sie meine Mama.» höre ich von Klientinnen. Und immer wieder versuchen die Töchter den Müttern mit allen möglichen Titeln, Weiterbildungen, beruflichen Errungenschaften und schiedlich perfektem Familienglück zu imponieren – um am Ende enttäuscht und gedemütigt zu werden.

Beleuchten wir die Gründe warum die Töchter immer wieder aufs Neue freiwillig ins gezückte Messer ihrer Mütter laufen, so lässt sich aus meiner Perspektive erkenne, dass sie zum einen die fehlende Anerkennung der Kindheit versuchen zu kompensieren und zum anderen sich Liebe erkaufen wollen. Leider setzen sie den Müttern, die ihre Töchter vermutlich insgeheim lieben zu wenig Grenzen. Warum sonst würden sie sich immer wieder beleidigen, ausstossen oder verletzen lassen?


Lolita-Effekt

Das Bild der jungen Lolita, welche die Mutter zutiefst ablehnt, weil sie frühreif ist und den Männern den Kopf bereits in (zu) jungen Jahren verdreht, ist bekannt. Ich war nie eine Lolita. Doch bekam ich sehr früh von meinem Elternhaus ein eher negatives Bild von Sexualität mit. Nun, dies ist aufgrund der sehr dunklen Taten anderer an meine Familie zu verdanken. Dennoch irritiert es mich enorm, dass ich grossen Anklang in der Gesellschaft erhalte, nicht aber von meiner Familie.

Mein Beruf(ung) lässt sich nicht mit meiner Familie zu vereinen. Wie ich glaubte und mir weisgemacht wurde, wäre meine Familie sehr offen, tolerant, ja sogar vordenkerhaft. Doch es zeigt sich auch da: wenn es ans Eingemachte geht, ist die Flexibilität, das Verständnis, ja selbst das Interesse wie weggeblasen.

Dass ich vielen Menschen helfe, ihnen Möglichkeiten biete ihre Ehe zu retten, ihnen Unterstützung in persönlich sehr komplexen, bis zerstörerischen Phasen ihres Lebens gebe, wird nicht anerkannt.

Auch bei Klientinnen erlebe ich es oft, dass die Fallstricke bereits früh in der Kindheit gelegt wurden. Die Mutter will anderes für die Tochter. Anders, besser. Eben so wie sie es sich vorstellt. Wenn die Tochter nun einen eigenen Lebensplan entwirft, hat dieser gar keine Chancen. Selbst dann nicht, wenn sie andere Leben positiv, nachhaltig und wertschöpfend beeinflusst. Es heisst dann, dass man sich dieser Materie, dem Sexuellen nicht hingeben darf.

Aber halt: ich habe keinen Sex mit meinen Klienten. Ich coache sie. Ja ich gebe Massagen und mach keinen Hehl daraus. Warum? Weil die Menschen Herzensberührungen brauchen. Ich würde so gerne der Öffentlichkeit zeigen, wie die Menschen (ja auch heterosexuelle Frauen) aufblühen. Dass die Berührungen sie nähren und sie zum Teil Tränen der überwältigenden Gefühle fliessen. Doch es wird nur der Mainstream, «Sex ist Schmuddel und alles was damit zu tun hat» abgestempelt. Es wird keinen Millimeter über den Tellerrand hinausgeschaut. Es wird gar geleugnet, dass ein Rand des Tellers existiert.


Meine Klientinnen leiden, durch die Abneigungen ihrer Mütter.

Und das Tragische ist, dass die Töchter die an sich und ihren Themen arbeiten, kaum eine Chance erhalten mit ihren Müttern zu sprechen.

In dessen Augen sind sie missratene Personen, die ein Problem haben Und Probleme müssen entweder mit (psychischer) Gewalt oder mit totschweigen unter den Teppich gekehrt werden.


Die Feigheit der vorangegangenen Generationen hat bis Heute Folgen. Oberflächlich wird der nächsten Generation eine bessere (sexuelle) Zukunft gewünscht. Doch wenn diese erreicht wird, sind es die Eltern und Grosseltern, die ihre Nachfahren runter in den Schlamm ziehen wollen. Bitte kein Wachstum. Bitte keine echte Verbesserung.


Auf Titelbildern machen sich Vorreiter gut. Heldensagen in Filmen ebenfalls. Aber bitte nicht in den eigenen Reihen. Denn das würde heissen, dass die Eltern versagt haben. Versagt, wenn die Kinder grösser werden, als sie es je waren?! Ja genau! Weil sie nun im Schatten der jüngeren Generation stehen und ihnen die Entmachtung droht.

So zerren sie mit Gewalt, Verachtung und Verstossung ihre Töchter zurück in die Bittstellung. Bitten um Anerkennung und Liebe. Doch wer um Liebe betteln muss, muss wissen, dass es keine bedingungslose Liebe der Eltern ist. Sie ist vergiftet durch die Eifersucht und Machtlosigkeit der heranwachsenden Generation.



Die Töchter der Ahninnen können nur sich lossagen vom Zwang gefallen zu wollen Ihrem Herzen treu folgend und sich nicht mit den ewigen Fesseln der Familie zurückhalten lassen.


Geht voran, nächste Generation. Ich bitte darum, dass mein Kind mich in Staunen versetzen mag. Mit Weisheit, mit Wagemut, mit Dankbarkeit, mit dem Antrieb es besser zu machen, als ich es erlebt hatte. Gedeiht, junge Kinder und lasst und in eurem Schatten stehen. Ich werde zu euch aufblicken und euch bewundern – dass ihr geschafft habt, woran ich beinahe scheitere: dem entwachsen der Schatten der Ahnen.

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